Über unseren Unterricht

Anthroposophische Heilpädagogik an der Michael Schule

Die anthroposophische Heilpädagogik baut auf der Waldorfpädagogik auf, deren Hintergrund das von Rudolf Steiner entwickelte Menschenbild bildet. Sie geht davon aus, dass der geistige Anteil jedes Menschen – sein Ich – niemals krank, wohl aber in seiner Entfaltung auf unterschiedliche Weise gehindert werden kann. Ziel der anthroposophischen Heilpädagogik ist daher, einen Ausgleich zwischen intellektuellen, praktischen und sozialen Fähigkeiten herzustellen, um so der unantastbaren Individualität des Menschen mit Behinderung zur größtmöglichen Entfaltung und Teilhabe am Kulturprozess zu verhelfen. Insofern ist Waldorf-Heilpädagogik immer auch „inklusiv“.

In einem Klassenverband, der die gesamte Schulzeit hindurch besteht, werden daher Kinder und Jugendliche mit den Einschränkungen unterschiedlichster Art (offiziell: „geistige Entwicklung“, „emotionale Entwicklung“, „Lernen“) gemeinsam unterrichtet. Die Verschiedenartigkeit der Kinder und Jugendlichen ist ein wesentliches, positives Element für den Lern- und sozialen Reifeprozess.

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Vorschule: Eingangs- und Beobachtungsstufe
Für die vier- bis siebenjährigen Kinder, die unsere Eingangs- und Beobachtungsstufe besuchen, bedeutet dies oft den ersten Schritt aus dem Elternhaus in eine neue Gemeinschaft. Sie erhalten hier Hilfe, die Welt nachahmend zu erleben. Naturerlebnisse, einfache Handarbeiten, Backen und Kochen entfalten die Sinne; Reime, Märchen und Spiele fördern die Sprachentwicklung auf spielerische Weise. Im letzten Vorschuljahr findet allmählich der Übergang zum schulischen Lernen statt.
Epochen- und Fachunterricht

Jeder Tages- und Wochenablauf ist in seinem Aufbau strukturiert, um den Kindern Orientierung und Sicherheit zu geben. Zu Beginn des Schultages werden im rhythmischen Teil Sprachfähigkeit, Koordination und Konzentration geweckt. Es schließt sich der Lernteil an, in dem während einer vollen Stunde die unterschiedlichsten Lerninhalte behandelt werden. Dies geschieht in drei- bis fünfwöchigen Epochen. Während dieses Zeitraumes steht ein Lernthema im Vordergrund, das so täglich vertieft und fortentwickelt wird.

Das Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Englisch werden darüber hinaus in den Fachstunden nach der Frühstückspause vertieft und geübt. Ebenso werden praktische und künstlerische Fächer in Fachstunden über die Woche verteilt, da hier das Üben und Erhalten von Fähigkeiten im Vordergrund stehen.

Schreiben und Lesen lernen
Das Kind lernt aus der nachahmenden Bewegung, zunächst im Spiel, später durch gezielte Tätigkeiten. Das Schreiben und Lesen lernen geschieht in der Waldorfpädagogik entsprechend: indem die Kinder den Sprachlaut und sein Zeichen, den Buchstaben, nicht abstrakt, sondern aus den schöpferischen Kräften der Phantasie erlernen. Aus dem Bild der Schlange zum Beispiel entsteht am Ende das „S“, aus dem Bild der Welle das „W“, aus dem Bild der Sonne das „O“. Die Wahl der Bilder, die zum Buchstaben führen, trifft der Lehrer oder die Lehrerin entsprechend der Gestimmtheit der Kinder. So kann auch die summende Biene zum „S“, die Wolken zum „W“ oder der Mond zum „O“ führen. Alles wird zunächst gemeinsam und einzeln bewegt, gemalt und erst dann zur Abstraktion – zum Buchstaben – gebracht. Das Zeichen, der Buchstabe, weckt dann die lebendige Erinnerung an das Wesen, das Charakteristische jeden Lautes.
Formenzeichnen
Das Formenzeichnen nimmt in der gesamten Schulzeit einen wichtigen Platz ein. Die Linie als Spur der Bewegung – gerade oder gebogen – wird in vielfachen Variationen in dynamischen Formen dargestellt. Es ergänzt und befördert entscheidend das Schreibenlernen, indem rhythmisch die verschiedensten Formen, die später die Schrift bilden, geübt werden. Darüber hinaus reicht das Formenzeichnen weit bis ins Therapeutische hinein, indem damit ordnend und harmonisierend auf die seelische Entwicklung des Kindes Einfluss genommen werden kann.
Rechnen
Das zählende, abwägende und „berechnende“ Bewusstsein des Kindes kann geweckt werden, indem es etwa über Bilder, Klatschen oder Schritte abzählen Mengen erfassen lernt. Zum Beispiel: Die Welt ist eins, Tag und Nacht sind zwei, ein Dreieck sind drei usw. – wie oft steckt das Dreieck im Sechseck? Mit Unterstützung von Gegenständen, durch Zeichnen und das Bewegen der entsprechenden Rhythmen werden das Einmaleins, Ordnungen und Gleichungen zunächst erlebbar gemacht. Der Name der Zahl und ihr Zeichen lassen sich dann sinnvoll dem Erlebnis zuordnen.
Naturkunde
Die Begegnung mit der Natur und ihren Geschöpfen beginnt für die Jüngsten zunächst spielerisch, durch Ausflüge und durch Naturpädagogik. In den Naturkundeepochen – also zum Beispiel durch Himmelskunde, Physik, Chemie, Erd-, Pflanzen-, Tier- und Menschenkunde – werden die Kinder und Jugendlichen auch schrittweise erkennend an die belebte und unbelebte Natur herangeführt.

Dabei steht immer die goetheanistische, also vorurteilsfreie Betrachtung am Anfang, die in dem Erkennen von Naturgesetzen mündet. So schulen die Schüler und Schülerinnen die eigene Urteilsbildung und erleben Achtung und ihre verantwortungsvolle Stellung innerhalb der Schöpfung.

Malen
Anfangs malen die Kinder vorwiegend in der Nass-in-Nass Technik. Die Aquarellfarben können dadurch ihre Farbwirkungen am besten entfalten. In gemalten Farbgeschichten lernen sie zunächst die einzelnen Farben und ihr unterschiedliches Wesen kennen. Später treten andere Maltechniken hinzu, wie z. B. das Kohlezeichnen und Mischtechniken. In der Oberstufe spielen dann unter anderem die perspektivische Zeichnung und die Darstellung des Menschen bis hin zum Portrait eine wichtige Rolle.

Musik
Die Kinder lernen von früh an durch Singen, Flöten- und Leierspiel oder durch das Spiel mit verschiedensten, einfachen Instrumenten die Musik kennen, die unmittelbar ordnend und heilend wirkt, wenn sie entsprechend ausgeübt wird.

Dabei spielt der Leier-Unterricht eine besondere, therapeutische Rolle. Die Leier wurde von Lothar Gärtner und Edmund Pracht eigens für die Heilpädagogik entwickelt. Beim Zusammenspiel lernen die Kinder und Jugendlichen, aufeinander zu hören und gleichzeitig die eigene Stimme zu halten. Das fördert Fingerfertigkeit, Einfühlungsvermögen, Konzentrationsfähigkeit und Selbstbewusstsein. Unsere Kinder erlernen mit Freude das Leierspiel, das von der dritten bis zur zwölften Klasse durchgängig unterrichtet wird.

Plastizieren
Beim Plastizieren mit Knete und Ton entwickeln die Kinder von früh an Vorstellungskraft, Geschicklichkeit der Hände und das Gefühl für Maß und Form. Zunächst werden einfache Formen geübt. So entsteht beispielsweise aus der Kugel zunächst ein Tier, später ein kleines Gefäß, bis schließlich in der Oberstufe die menschliche Gestalt oder sogar der Kopf geformt werden.
Schauspiel
Schon früh werden Märchen und kleine Geschichten in der Klasse spielerisch mit einfachen Requisiten dargestellt. Beim Theaterspiel in den oberen Klassen finden – je nach Veranlagung – das Sprechen und die Gestik besondere Beachtung. Viel Mut erfordert es schließlich, das Stück vor den Schülern, Eltern, Verwandten und Freunden aufzuführen. Die Anstrengung wird dann durch die wichtige Erfahrung belohnt, sich vor einem großen Publikum in seiner Rolle behauptet zu haben. Das stärkt das Selbstvertrauen.
Eurythmie
Die Eurythmie, ursprünglich eine von Rudolf Steiner entwickelte Bewegungskunst, ist eine Besonderheit innerhalb der Waldorfpädagogik. Im Eurythmie-Unterricht, der von der Vorschule bis zur Werkstufe erteilt wird, bewegen sich die Kinder im Einklang mit Sprache und Musik.

In den ersten Klassen bilden die Kinder zunächst nachahmend die Sprachlaute anhand von Geschichten, Reigen und Gedichten. Die Urformen wie Gerade, Gebogene, Kreis, Quadrat usw. werden als bewegte Raumformen kennengelernt. Die Elemente des Musikalischen wie Melos, Rhythmus, Takt, Dur und Moll usw. werden als Bewegung erfahren.

Im Laufe der Schulzeit erlangen die Schülerinnen und Schüler allmählich immer mehr Fähigkeiten – bis ganze Dichtungen oder Musikstücke durch eine Klasse, als Solo oder in kleinen Gruppen zur Aufführung gelangen. Auf diese Weise werden Vorstellungskraft, Erlebnisfähigkeit, Willenskraft, Raumorientierung, Gemeinschaftssinn und andere Fähigkeiten gefördert.

Handwerkliches
Das sinnvolle, handwerkliche Tun durchzieht von Anfang an den Schulalltag. Schon in der Eingangsstufe wird gebacken, gekocht, mit den Fingern gehäkelt oder gebastelt. Später lernen die Kinder das Stricken, Weben und Filzen, besticken ihre eigene Serviettentasche oder schnitzen Löffel und töpfern Schalen. In der Oberstufe erlernen sie den Umgang mit verschiedenen Werkzeugen und einfachen Maschinen.